Coaching-Gespräch Johanna: Problemfelder, Fragen des Coaches und Kommentare

Übungsunterlage zur Fragetechnik (hypnosystemisches Coaching, Seitenmodell). Zweites Gespräch: Coachin Johanna, Coach Timo, Kommentator Gunther Schmidt. Die Zeitangaben beziehen sich auf das Transkript. Die Fragen sind sinngemäß und geglättet, da das Transkript automatisch erzeugt wurde. Unter jedem Abschnitt steht der Kommentar von Gunther Schmidt in Kurzform.

Thema der Coachee: Gewicht. Sie hatte 26 Jahre Bulimie, seit November 2021 ist sie symptomfrei. Das Thema Gewicht ist für sie schambesetzt. Sie beschreibt, dass ein großer Anteil von ihr nicht will, dass sie schlank ist.

Gesprächsverlauf in Kurzform: Thema und Würdigung, Ambivalenz erkunden, Ressourcenmuster (14 Tage) und Auslöser, Seiten herausarbeiten, Biografie und Rekontextualisierung, Integration der Seiten, Schutz und Halt, Verankerung, Transfer.


1. Einstieg: Gewicht, Scham und Bulimie (1:20–5:10)

Coachee: Das Thema ist Gewicht, sehr schambesetzt, es kommen Tränen. Sie hat die Bulimie nach 26 Jahren überwunden, darauf ist sie stolz.

Frage des Coaches Wirkung
„Was für ein Thema hast du mitgebracht?" Offener Einstieg, Thema bestimmt die Klientin
„Wie hast du das hingekriegt? Was kannst du Leuten raten, die noch kämpfen?" Fokuswechsel von Scham auf Erfolgserfahrung, Klientin als Expertin

Kommentar Schmidt: Beide reden in einem Kontext, der das Erleben unwillkürlich formt (Kybernetik zweiter Ordnung). Timo greift nicht das Problem Gewicht auf, sondern die Erfolgserfahrung und würdigt sie. Damit wird der Kontext zu einem wertschätzenden Rahmen. Körperhaltung und Stimme der Klientin verändern sich sofort.

2. Ambivalenz: Eine Seite will nicht schlank sein (8:12–10:20)

Coachee: Abnehmen gelingt nur für wenige Monate, Diäten halten etwa zwei Wochen, dann kippt alles. Es fühlt sich an, als sei sie zwiegespalten.

Frage des Coaches Wirkung
Zusammenfassung der Klientin, dann: „Habe ich dich richtig verstanden?" (sinngemäß) Wiederholungspacing, Klientin prüft und bleibt oberste Autorität
„Beschreib mal, was passiert da in dir, in dieser Seite, die du angesprochen hast?" Einführung des Seitenmodells, Ambivalenz explorieren
„Wie schaffst du es in den zwei Wochen? Wie gehst du mit dir um?" Ressourcenmuster erkunden statt Problem
„Gibt es Sätze, die du morgens sagst, ein Gefühl oder ein Bild?" Sinneskanäle des Gelingens abfragen

Kommentar Schmidt: Das Zusammenfassen hat mehrere Funktionen: würdigen, Kontakt prüfen, die Klientin zur Expertin machen. „Eine Seite von mir" statt „ich" schafft Abstand und verhindert, von Impulsen überflutet zu werden. Timo fokussiert bewusst auf die 14 guten Tage und nicht auf die Widerstände. Die Botschaft lautet: Die Kompetenz ist schon da.

3. Kippen nach zwei Wochen: Auslöser Arbeit (12:36–20:50)

Coachee: Nach Stress auf der Arbeit fährt sie zum Bäcker, dieses eine Mal wirft alle Vorsätze um. Sie isst manchmal, ohne hungrig zu sein.

Frage des Coaches Wirkung
„Kann der Auslöser auch privat sein, oder ist es immer Arbeit?" Auslöser präzisieren
„Gab es schon Momente, in denen du viel gearbeitet hast, die Einladung zum Bäcker kam und du gesagt hast: Nee, mach ich nicht?" Ausnahme im selben Auslöser suchen
„Erinnere dich gern an ein Beispiel." Muster des Gelingens aktivieren (Klientin nennt die Heimfahrt ohne Hunger)

Kommentar Schmidt: Der Auslöser wird genutzt (Utilisation): Er ist da und darf da sein, und die Klientin hat schon längst anders darauf geantwortet. Auf das „Ja, aber selten" antwortet Timo: Einmal genügt, dann ist die Fähigkeit gespeichert und lässt sich stärken. Fragen sind hier keine bloßen Fragen, sondern Einladungen zu einem inneren Suchprozess (Blick geht nach innen).

4. Die innere Stimme: „Nee, komm, das ist Quatsch" (24:12–26:00)

Coachee: Im Auto sagte sie sich, sie sei gar nicht hungrig, und fuhr nach Hause.

Frage des Coaches Wirkung
„Wo kommt die Stimme her, in dir oder von außerhalb?" Stimme lokalisieren (Bauch, ihre eigene)
„Ist es eine Elternstimme oder deine?" Herkunft der Stimme klären
„Wie genau ist der Tonfall? Direktiv, liebevoll?" Qualität der Stimme (wohlwollend)

Kommentar Schmidt: Die Fragen setzen weitere Suchprozesse in Gang und verbinden die Klientin mit ihren inneren Kompetenzen. Es ist eine erste Bahnung.

5. Die Gegenseite finden: Trauerkloß und Kopf (26:00–30:45)

Coachee: Sie spürt einen „Trauerkloß" im Hals. Sie fragt sich gedanklich, ob der Anteil integriert werden muss. Sie denkt viel nach.

Frage des Coaches Wirkung
„Kannst du die andere Seite in dir oder außerhalb wahrnehmen? Gibt es eine Stimme, ein Bild? Wo spürst du sie?" Zweite Seite über Wahrnehmung greifbar machen
„Den Kopf ausmachen und einfach hinhören, woher der Anteil kommt. Alle anderen Fragen beantworten wir im Lauf der Sitzung." Kognitive Grübelschleife unterbrechen
„Ist das der Trauerkloß, der verhindern will, dass du in ein gutes Gewicht kommst, oder ein anderer Anteil?" Unterscheiden, welche Seite zum Essverhalten gehört
„Wie könnte der uns in der Situation helfen? Hat er überhaupt Einfluss?" Nutzen prüfen (Antwort: Bei Trauer isst sie nichts, er gehört nicht dazu)

Kommentar Schmidt: Timo lässt bewusst die Ambivalenz einfließen. Wer nur auf die Lösung fokussiert, erzeugt schnell Druck („Du siehst doch, es geht"). Die Gegenkraft wird als wichtige Information behandelt, nicht als Problem. Die Hypothese „Trauerkloß" wird nur angeboten und darf widerlegt werden (hier wird sie widerlegt, was nicht schadet).

6. Die Trigger-Situation: Wut und „Ich hab es verdient" (30:45–33:00)

Coachee: Nach zwei Wochen und Stress spürt sie Wut: „Die können mich mal, ich habe es verdient." Es ist ein junger Anteil, etwa vier Jahre alt, mit einer Faust im Bauch.

Frage des Coaches Wirkung
„Geh mal in so eine Situation rein: zwei Wochen gesund, viel Arbeit, der Drang zu essen. Was passiert da in dir?" Problemerleben kurz aktivieren, um die zweite Seite zu finden
„Ist das ein Gefühl, eine Stimme oder ein Bild? Was nimmst du wahr?" Erleben über Sinneskanäle konkretisieren
„Wenn man es verdient, kann man was essen. Vollkommen logisch." (Pacing) Logik der Seite bestätigen ohne zu bewerten

Kommentar Schmidt: Die Wut ist mit Autonomie verbunden: „Ihr könnt mich mal." Gesundes Essen könnte deshalb wie Unterwerfung wirken, das erklärt das innere Dilemma.

7. Biografie und Rekontextualisierung (37:23–46:50)

Coachee: Mit vier kam sie ins Kinderheim, dort wurde ihr das Essen weggenommen. Nach der Adoption aß sie auf einem Kindergeburtstag zu viel, musste sich übergeben und wurde negativ bewertet. Die Faust entstand aus Angst.

Frage des Coaches Wirkung
„Wo spürst du diese Faust, diesen Satz? Leg ruhig mal die Hand dahin." Verkörperung
„Angenommen, du könntest dich mit diesem Anteil versöhnen. Aus Sicht eines vierjährigen Kindes ist das total nachvollziehbar. Kannst du Kontakt aufnehmen und sagen: Du gehörst dazu?" Sinnhaftigkeit würdigen, Kontakt zur Seite anbieten
„Ist das noch heute so, wenn du zu viel gearbeitet hast?" Verbindung Vergangenheit und Gegenwart prüfen

Kommentar Schmidt: Das ist Rekontextualisierung: Das Essverhalten wird in seinen sinnvollen Entstehungskontext gestellt (Überleben, Autonomie). Es wird verstehbar wie eine Art Leibwächter. Timo klärt das Ziel am Anfang nicht genau, weil das vorab formulierte Ziel die Ambivalenz nicht enthielte. Das stimmige Ziel entsteht aus der Würdigung der Ambivalenzen („Organisationsentwicklung nach innen").

8. Gute Absicht der Faust und das Sowohl-als-auch (48:13–57:18)

Coachee: Die Faust will eigentlich Grenzen schützen: „Steh für dich ein." Auf dem Weg dahin habe sie das Essen gewählt.

Frage des Coaches Wirkung
„Was könnte eine gute Absicht der Faust sein? Ich habe ein paar Ideen, möchte aber zuerst deine hören." Klientin zuerst, Coach hält Hypothesen zurück
Handgeste: rechte Hand „Das Essen brauchst du nicht", linke Faust „Steh für dich ein". „Würden die beiden dann nicht miteinander arbeiten?" Entweder-oder wird zum Sowohl-als-auch, Gestik als Erlebnisnetzwerk
„Wer von beiden sagt das?" Zuordnung der Sätze zu Seiten
„Geh gedanklich durch: Autofahrt, viel gearbeitet, ein Satz hat dich getroffen, und dann der Satz …" Neuen Satz in der Trigger-Situation testen
„Wie geht es dir gerade mit dem Satz?" Wirkung prüfen

Kommentar Schmidt: Timo lädt die Klientin unmerklich zur Beobachterposition (Metaposition) ein, aus der sie mehr Wahlmöglichkeiten hat. Er bietet Hypothesen an und lässt sie widerlegen. Bisher galt für sie „entweder gesund oder Faust". Jetzt beginnt ein „sowohl als auch", eine Art Tetralemma mit dritten Wegen. Wichtig: Beides kombinieren, nicht nur der Klientin alles überlassen, nicht nur Input geben.

9. Die zarte Seite und die Angst vor Schutzlosigkeit (57:18–1:04:00)

Coachee: Der Trauerkloß erinnert sie an ihre zarte Seite. Sie ist nach außen die immer gut Gelaunte, mit dem Kloß ist sie authentisch. Hier schnürt es ihr zu: „Zu schön, um wahr zu sein." Wenn sie zart ist, hat sie keinen Schutz.

Frage des Coaches Wirkung
„Was sagt dein Trauerkloß dazu?" Jede Seite einbeziehen
„Steht der auch für deine Bedürfnisse ein, oder erinnert er dich daran?" Positive Funktion der Seite
„Wie geht es deiner ganz zarten Seite damit, dass du jetzt auf deine Bedürfnisse schaust und dafür einstehen kannst?" Zirkuläre Frage: Wie wirkt das eine auf das andere?
„Welche Seite könnte ihn denn helfen, in die Hand nehmen? Sag den Satz von der Hand und spüre, wie er reagiert." Unterstützung der zarten Seite, Erlebnis testen
„Wer könnte der zarten Seite Schutz bieten?" Schutz aus der erwachsenen Ressource

Kommentar Schmidt: Timo wird zum Moderator (Mediator) der „inneren Familie". Johanna zeigt große Introspektionsfähigkeit. Timo hält sich zurück und stellt nur sondierende Fragen. Das passt zu ihr, nicht zu jedem. Die Zartheit ist ein neu entdecktes Familienmitglied, das Schutz braucht.

10. Halt geben: Erwachsene und das Kind (1:04:24–1:12:00)

Coachee: Die Faust will sie nicht, es gab zu viel Gewalt in ihrem Leben. Sie erinnert sich an einen Jungen in Bogotá, der sich auf ihren Schoß setzte, und an ihre „Tante" Anette, die sie als Kind stützte.

Frage des Coaches Wirkung
„Nimm die Erwachsene dazu. Stell dir vor, du könntest der Vierjährigen im Kinderheim helfen. Stell dir vor, wie du sie auf den Schoß nimmst." Erwachsenen-Ressource für die kindliche Seite
„Hast du gerade gestrahlt? Strahlt dein Trauerkloß auch, wenn du an Tante Anette denkst?" Positive Körperreaktion spiegeln und verknüpfen
„Welcher Gedanke könnte dir in der Stress-Situation helfen, weder die Faust auszupacken noch zum Essen zu greifen, sondern diese Handbewegung und die Erinnerung zu nutzen?" Alternative Reaktion im Trigger
„Gibt es ein Wort oder einen Satz, wenn du dich so gehalten fühlst?" (Antwort: „Halt mich.") Anker formulieren
„Wie geht es der Seite, wenn du gerade in der Halt-mich-Kompetenz bist?" / „Wie geht es dem Trauerkloß, wenn er das hört?" Wechselwirkung zwischen Seiten prüfen

Kommentar Schmidt: Die Organisationsentwicklung nach innen geht weiter. Im Unterschied zu Ego-State-Konzepten, bei denen einzelne Anteile ausführlich bearbeitet werden, ist im hypnosystemischen Ansatz die Wechselwirkung zwischen den Seiten wichtiger (ähnlich zirkulärem Fragen). Die Frage, was passiert, wenn das Ziel dauerhaft erreicht wird, kommt bewusst noch nicht.

11. Verankerung und Alltagstransfer (1:16:00–1:29:15)

Coachee: Berührte, positive Tränen. Die „Ich hab es verdient"-Seite ist nicht mehr da, weil sie gesehen wird. Ihr Anker: „Ich brauche nur eine Umarmung."

Frage des Coaches Wirkung
„Wie geht es der Ich-hab-es-verdient-Seite, wenn sie gehalten wird?" Wirkung auf die Kraft der Gegenseite prüfen
„Hast du Lust, diesen Zustand des Umarmtwerdens in dir noch zu verstärken?" (Augenbewegung: „Folge mit den Augen meinen Fingern.") Einwilligung, dann Verankerung mit Bewegung (Integration Movement)
„Stell dir die Szene vor: viel gearbeitet, etwas Böses passiert, du fährst an der Bäckerei vorbei. Was ist jetzt anders als vorher?" Zukunftsprobe
„Angenommen, du sagst doch mal: Ich hab es verdient. Wie kannst du dann mit dir umgehen? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass du weiterfährst?" Rückfall vorwegnehmen, Wahrscheinlichkeit prüfen (Klientin lehnt Zahl ab, das ist in Ordnung)
„Stell dir vor, du hast zwei Wochen gesund gegessen, und jetzt ist Tag 15. Wie geht es weiter mit dem neuen ‚Ich brauche nur eine Umarmung'?" Den bisherigen Kipppunkt gezielt testen
„Brauchst du gerade noch etwas?" Bedarf prüfen statt aufdrängen

Kommentar Schmidt: Die Augenbewegung erinnert an EMDR, ist aber eher eine Movement-Integration-Variante. Sie verstärkt unwillkürlich die Reorganisation. Ohne Transfer bleibt eine gute Sitzung wirkungslos, deshalb Anker und Sätze für den Alltag. Das Aufgreifen der 14 Tage („Was kommt danach?") war wichtig, sonst wäre die Gegenkraft nicht integriert. Die Umfokussierung von „Ich brauche Essen" zu „Ich brauche eine Umarmung" verringert die Kraft des Impulses.


Übergreifender Kommentar zur Auftragsklärung (1:30:00–1:37:00)


Übungsvorschläge

  1. Formuliere selbst: Decke die Spalte „Frage des Coaches" ab, lies nur die Aussage der Coachee und schreibe deine eigene Frage. Vergleiche danach.
  2. Erkenne die Muster:
  3. Übe die Kernbausteine: